Manchmal

Manchmal brauch ich dich
mehr als ich sollte 
Manchmal verzauberst du mich 
mehr als ich wollte 
Manchmal lieb ich dich 
wie ich mich lieben bräuchte 
Manchmal seh ich das Licht
nur durch dich 

Doch wo bin ich?

- theereesii

3 Kommentare

  1. Auch dieses Gedicht bringt, wie ich finde, eine gewisse Melancholie zum Ausdruck. In den kontrastierten und kursiv ausgezeichneten Versen scheint ein Bedauern, ja eine Selbstanklage mitzuschwingen. Das lyrische Ich scheint sich „manchmal“ die eigene Abhängigkeit von einem anderen vorzuwerfen, der gewisse Leistungen vollbringt bzw. Bedürfnisse erfüllt, die es anscheinend gerne selbst vollbringen bzw. erfüllen würde: autonom zu sein, Glück zu erleben, Liebe zu geben, Frohsinn zu wahren.

    Und die Frage des lyrischen Ichs im Schlußvers, wo es selbst denn geblieben sei, legt eine tiefe Unzufriedenheit nahe über einen verspürten Mangel an Definiert-Sein bzw. Definiert-Werden. Der andere scheint ihm nur ein Spiegel zu sein, der die eigenen Defizite und Unzulänglichkeiten vorführt, d. h. also nur eine Art negative Definition des eigenen Selbst gibt, ohne hingegen dem lyrischen Ich zu der ermangelten positiven Definition des eigenen Selbst zu verhelfen. Das daraus erstehende Gefühl, welchem das vorliegende Gedicht poetischen Ausdruck verleiht, könnte man vielleicht ‚Selbstverlust‘ nennen. Ein Gefühl ausgesprochener Melancholie!

    Vielleicht aber drückt sich hierin stattdessen vielmehr die Angst des lyrischen Ichs vor einem möglichen Selbstverlust aus: dem Aufgehen in einer anderen Person bzw. Beziehung zu derselben. Vielleicht ist es die besonders enge Bindung an jenes vom lyrischen Ich angesprochene Du, welches eine untergründige Angst in ihm auslöst: vor dem Verlust der eigenen Autonomie, dem Verschwimmen der Grenze zwischen Ich und Du, dem Eigenen und dem Anderen. Somit wäre dann eher ein intersubjektiver Bereich, Beziehungen und Beziehungserfahrungen, angesprochen als das rein subjektive Erleben.

    Für welche Deutung auch immer man sich letztlich entscheidet, das vorliegende Gedicht regt in jedem Falle zum tieferen Nachdenken an. Und das finde ich angesichts seiner reduzierten Form überaus bemerkenswert!

    Gefällt 2 Personen

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